Deine Werte sind eingestellt. Der TSH liegt im Normbereich, deine Ärztin ist zufrieden, die Tablette nimmst du jeden Morgen nüchtern, so wie es sein soll.
Und trotzdem: Du wachst auf, und deine Oberschenkel fühlen sich an, als wärst du gestern einen Marathon gelaufen. Warst du nicht. Nach dem Mittagessen läuft die Nase, abends juckt die Haut am Hals. Die Liste der Lebensmittel, die du verträgst, wird jedes Jahr kürzer. Und an manchen Tagen kippt die Stimmung, ohne dass etwas passiert ist.
Kennst du das?
Dann kennst du auch den Satz, der dann meistens fällt: „Mit der Schilddrüse hat das nichts zu tun, die Werte sind ja gut.“
Vielleicht stimmt der Satz sogar. Mit deinen Werten hat das womöglich wirklich nichts zu tun. Mit deinem Körper als Ganzem aber schon.
Hashimoto ist mehr als deine Schilddrüse
Bei Hashimoto läuft in deinem Körper ein Fehlalarm: Dein Immunsystem hält deine Schilddrüse für einen gefährlichen Fremdkörper und bekämpft sie, jeden Tag.
Aber dieses Immunsystem sitzt nicht in der Schilddrüse. Es sitzt in deiner Darmschleimhaut, in deiner Haut, in deinen Atemwegen, in jedem Gewebe, das Kontakt zur Außenwelt hat. Und ein Immunsystem, das an einer Stelle Fehlalarm schlägt, ist an anderen Stellen oft auch nicht tiefenentspannt.
Deshalb kommt Hashimoto oft nicht allein. Bei rund einem Viertel der Betroffenen tritt eine weitere Autoimmunerkrankung dazu. Und bei vielen laufen Nebenbaustellen mit, die in den Schilddrüsenwerten nicht auftauchen: eine gereizte Darmschleimhaut, wie ich sie in Leaky Gut und Hashimoto beschreibe, zu wenig Magensäure, Dauerstress für die Nebennieren, über den du in Nebennierenschwäche bei Hashimoto mehr liest. Wer nur auf TSH und Antikörper schaut, sieht davon nichts. Das kann ein Grund sein, warum du müde bleibst, obwohl deine Werte stimmen. Mehr dazu liest du in Warum bin ich mit Hashimoto müde, obwohl meine Werte normal sind?
Wenn eine Frau zu mir kommt, schaue ich mir deshalb nicht nur ihre Schilddrüsenwerte an. Ich frage nach ihrer Haut, ihrem Bauch, ihrem Zyklus, ihrem Schlaf. Und nach dem, was sie nicht mehr verträgt.
Denn eine dieser Nebenbaustellen fällt mir bei vielen Klientinnen auf, und über sie spricht kaum jemand.
Die Wächterzellen, die zu schnell Alarm schlagen
Zu deinem Immunsystem gehören die Mastzellen. Ich nenne sie gern Wächterzellen, weil sie genau dort stehen, wo dein Körper nach außen offen ist: in der Haut, in den Schleimhäuten von Nase und Bronchien, in der Darmwand.
Kommt etwas Fremdes, schlagen sie Alarm und schütten Histamin und andere Botenstoffe aus. Die Nase läuft, die Haut rötet sich, der Darm beschleunigt. Das ist sinnvoll, wenn wirklich etwas Fremdes kommt.
Das Problem: Mastzellen können zu schnell und zu heftig reagieren. Dann kann die Haut auf den Wollpullover reagieren, die Nase auf das Glas Rotwein, der Bauch auf den Apfel, der jahrelang kein Problem war. Mit jedem Lebensmittel, das du streichst, wird dein Teller kleiner. Und das Immunsystem bleibt trotzdem unruhig.
Und jetzt kommt der Punkt, der für dich als Frau wichtig ist: Mastzellen tragen Andockstellen für Östrogen und Progesteron. Sie reagieren auf deine Hormone. Erkrankungen, bei denen Mastzellen mitmischen, treffen auffällig oft Frauen: Migräne, Allergien, chronische Schmerzen, Autoimmunerkrankungen. Hashimoto selbst trifft Frauen etwa 10-mal häufiger als Männer, und auch dabei dürften Hormonschwankungen eine Rolle spielen.
Für mich heißt das: Wenn bei einer Frau mit Hashimoto Haut, Nase und Bauch gleichzeitig überreagieren, dann schaue ich mir die Wächterzellen an. Nicht nur die Schilddrüse.
PEA: ein Stoff, den kaum jemand kennt
Es gibt eine Substanz, die kaum einer kennt, aber die ich bei einigen meiner Klientinnen schon erfolgreich eingesetzt habe: PEA (Palmitoylethanolamid).
Du kennst mich, und du weißt, ich propagiere keine Wundermittel. Hier geht es um etwas anderes: um einen Stoff, den dein Körper selbst herstellt.
PEA ist ein fettähnlicher Botenstoff, den deine Zellen direkt dort bilden, wo er gebraucht wird. In kleinen Mengen steckt PEA auch in Eigelb, Sojalecithin und Erdnüssen. Eine Menge, mit der man arbeiten kann, bekommst du über das Essen aber nicht zusammen.
Chemisch identifiziert wurde PEA schon 1957. Richtig spannend wurde es 1993: Im Tiermodell bremste PEA die Mastzellen, die Wächterzellen blieben ruhiger, statt bei jeder Kleinigkeit Histamin auszuschütten. Dieser Mechanismus ist bis heute das, was PEA für mich bei Hashimoto so interessant macht. Gezeigt ist er bisher im Labor und im Tierversuch.
Dazu kommt ein weiterer Weg über einen Schalter im Zellkern, PPAR-alpha, der unter anderem Entzündungsgene steuert. Und PEA beeinflusst andere körpereigene Botenstoffe, die an Schmerz und Entzündung beteiligt sind. Spannend daran: PEA greift in einen Regelkreis ein, den dein Körper ohnehin hat.
Was ich an der PEA-Forschung spannend finde
Am weitesten ist die Forschung bei Schmerzen. Eine Auswertung von 2023 fasste 11 doppelblinde, placebokontrollierte Studien mit zusammen 774 Personen zusammen: Unter PEA waren die chronischen Schmerzen insgesamt geringer als unter Placebo, auch wenn sich die einzelnen Studien stark unterschieden.
Für mich besonders spannend ist ein Versuch zur Darmbarriere aus dem Jahr 2019. Bei gesunden Männern wurde die Darmwand mit Aspirin künstlich durchlässig gemacht. Mit einer einmaligen Gabe von 600 mg PEA fiel dieser Anstieg geringer aus als unter Placebo. Ein einzelner, kurzer Versuch, aber einer, der genau an der Stelle ansetzt, die bei Hashimoto so oft die Schwachstelle ist: der Darmschleimhaut.
Und bei Regelschmerzen und Endometriose gibt es mehrere Studien mit positiven Signalen, meist mit PEA in Kombination mit einem Pflanzenstoff. Auch die deutschsprachige Endometriose-Leitlinie von 2025 bespricht diese Kombination.
Was meine Klientinnen über PEA zurückmelden
Ich setze PEA natürlich nicht grundsätzlich bei allen Klientinnen ein, sondern bei denen, zu deren Beschwerdebild es passt. Was sie mir zurückmelden: weniger Muskelschmerzen, bessere Stimmung, besserer Schlaf, mehr Wohlbefinden, weniger allergische Beschwerden. Und einige vertragen wieder mehr Lebensmittel.
Das sind Erfahrungen aus meiner Praxis, keine Studienergebnisse. Für mich sind sie klar genug, um PEA weiter einzusetzen.
Ein Baustein, kein Fundament. PEA behandelt nicht deine Schilddrüse und ersetzt kein L-Thyroxin. Das Fundament bleibt eine antientzündliche, darmfreundliche Ernährung, die dein Immunsystem beruhigt. Wie die aussieht, zeige ich dir in Welche Ernährung hilft bei Hashimoto wirklich? Erst auf dieser Basis zeigt ein Baustein wie PEA, was er kann.
Der ganze Körper, nicht nur ein Organ
Wenn es dir mit Hashimoto wirklich besser gehen soll, reicht der Blick auf TSH und Antikörper nicht. Deine Haut, dein Bauch, dein Zyklus, dein Schlaf, deine Muskeln: Jede dieser Baustellen erzählt dir etwas über dein Immunsystem.
Wer sie ernst nimmt, findet manchmal Antworten an Stellen, an denen bisher niemand gesucht hat. Und manchmal ist ein Teil der Antwort ein Stoff, den dein Körper längst kennt.
Ob PEA zu deinem Beschwerdebild passt oder ob bei dir eine ganz andere Nebenbaustelle im Vordergrund steht, lässt sich aus einem Artikel nicht beantworten. Genau das schauen wir uns im 1:1-Mentoring an: deine Werte, deine Beschwerden, deine Ernährung, der ganze Körper.
Fachlich geprüft: November 2026.
Quellen
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- Aloe L, Leon A, Levi-Montalcini R. A proposed autacoid mechanism controlling mastocyte behaviour. Agents Actions 1993. DOI 10.1007/BF01972748
- Lo Verme J et al. The nuclear receptor peroxisome proliferator-activated receptor-alpha mediates the anti-inflammatory actions of palmitoylethanolamide. Mol Pharmacol 2005. DOI 10.1124/mol.104.006353
- Petrosino S, Di Marzo V. The pharmacology of palmitoylethanolamide and first data on the therapeutic efficacy of some of its new formulations. Br J Pharmacol 2017. DOI 10.1111/bph.13580
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- Couch DG et al. Palmitoylethanolamide and Cannabidiol Prevent Inflammation-induced Hyperpermeability of the Human Gut In Vitro and In Vivo: A Randomized, Placebo-controlled, Double-blind Controlled Trial. Inflamm Bowel Dis 2019. DOI 10.1093/ibd/izz017
- Cobellis L et al. Effectiveness of the association micronized N-Palmitoylethanolamine (PEA)-transpolydatin in the treatment of chronic pelvic pain related to endometriosis after laparoscopic assessment: a pilot study. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2011. DOI 10.1016/j.ejogrb.2011.04.011
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- AWMF S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Endometriose, 2025, Registernummer 015-045, Seite 117
- Gabrielsson L, Mattsson S, Fowler CJ. Palmitoylethanolamide for the treatment of pain: pharmacokinetics, safety and efficacy. Br J Clin Pharmacol 2016. DOI 10.1111/bcp.13020
Häufige Fragen
Ist PEA Cannabis?
Nein. PEA (Palmitoylethanolamid) ist ein körpereigener Botenstoff aus der Gruppe der Fettsäureamide. Es enthält kein THC, dockt nicht direkt an die klassischen Cannabinoid-Rezeptoren an und wirkt nicht berauschend. Nicht verwechseln: Die Abkürzung PEA steht auch für Phenethylamin, einen völlig anderen, anregend wirkenden Stoff.
Kann ich PEA zusammen mit L-Thyroxin nehmen?
Eine gezielte Wechselwirkungsstudie gibt es nicht. Nimm dein L-Thyroxin weiter wie gewohnt nüchtern und PEA später am Tag. Enthält dein Präparat zusätzlich Calcium oder Eisen, gilt für diese der bekannte Abstand zu L-Thyroxin.
Reicht es, PEA über Lebensmittel aufzunehmen?
Nein. PEA kommt in Eigelb, Erdnüssen und Sojalecithin vor, aber in so kleinen Mengen, dass du damit nicht an die Mengen aus den Studien herankommst. Dein Körper bildet PEA vor allem selbst, direkt im Gewebe.
Über die Autorin
Laura Burau ist Ernährungswissenschaftlerin (M.Sc.) und selbst von Hashimoto betroffen. Mit Immunfood begleitet sie Frauen mit Hashimoto zu mehr Energie durch eine antientzündliche, darmfreundliche Ernährung. Ihr 8-Wochen-Onlinekurs ist zertifiziert und wird von allen gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst. Mehr über Laura





