Vitamin D ist in aller Munde, wenn es darum geht, das Immunsystem zu stärken. Doch wie genau wirkt Vitamin D eigentlich in unserem Körper? Und solltest du Vitamin D einnehmen, wenn du unter einer Autoimmunerkrankung oder unter Neurodermitis leidest? Die Antworten auf diese Fragen bekommst du in diesem Artikel.

Was ist Vitamin D und wofür wird es benötigt?

Unter Vitamin D versteht man eine Gruppe fettlöslicher Verbindungen. Die bekanntesten darunter sind das Vitamin D3 (Cholecalciferol) und das Vitamin D2 (Ergocalciferol). Streng genommen handelt es sich dabei gar nicht um Vitamine, sondern um Hormon-Vorstufen. Klassische Vitamine müssen nämlich mit der Nahrung aufgenommen werden, da der Körper sie nicht selbst herstellen kann. Außerdem verhält sich das aktive Vitamin D im Körper wie ein Hormon, das an spezifische Rezeptoren im Zellkern bindet.

Das Vitamin D3 wird in der Leber zu 25(OH)D3 (Calcidiol) und anschließend in der Niere in die aktive Form 1,25(OH)2D3 (Calcitriol) umgewandelt. Das Calcitriol ist ein Steroidhormon, welches von der Struktur her dem Testosteron ähnelt.
Calcitriol entfaltet im Körper die eigentliche Wirkung des Vitamin D. Dazu bindet es in den Zellen der Zielorgane an einen spezifischen Steroidrezeptor, den Vitamin-D-Rezeptor (VDR) und beeinflusst die Expression zahlreicher Gene im ganzen Körper.

Die bekannteste Funktion von Calcitriol ist die Regulation des Calcium- und Phosphatstoffwechsels. Damit sorgt es für eine gesunde Knochenstruktur. Darüber hinaus trägt es zum Erhalt einer normalen Muskelfunktion bei und spielt eine wesentliche Rolle in der Immuntoleranz, d.h. der Fähigkeit des Immunsystems, körpereigene Strukturen als solche zu erkennen und nicht anzugreifen. Ein Vitamin D-Mangel wird daher auch mit der Entstehung von Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht.

Kann ich meinen Vitamin D – Bedarf über die Nahrung decken?

Der Tagesbedarf an Vitamin D liegt für Kinder ab zwölf Monaten, Jugendliche und Erwachsene sowie auch für Stillende und Schwangere bei 20 µg pro Tag. Diesen Bedarf allein über die Nahrung abzudecken ist sehr schwierig.

In der Nahrung kommt Vitamin D in relevanten Mengen hauptsächlich in fettreichen tierischen Lebensmitteln wie Hering, Aal, Lachs, Eiern und Milchprodukten vor. Geringere Mengen finden sich auch in pflanzlichen Lebensmitteln wie Pilzen.

Du müsstest aber täglich etwa 400 g Makrele, 16 bis 20 Eier oder 1 kg Shiitake-Pilze essen, um deinen Tagesbedarf von 20 µg zu decken. Man schätzt, dass wir in Deutschland über die Ernährung mit den üblichen Lebensmitteln durchschnittlich etwa 2 bis 4 µg Vitamin D pro Tag zu uns führen.

Die Vitamin D-Eigensynthese durch die Sonne

Eine weitaus größere Rolle als die Vitamin D-Versorgung über die Nahrung spielt die Eigensynthese in der Haut durch UVB-Strahlen. Diese körpereigene Synthese deckt normalerweise mit 80-90 Prozent den Großteil des Bedarfs.

Allerdings ist in Deutschland rein theoretisch nur von Anfang April bis Ende September die Vitamin D-Produktion durch die UV-Exposition der Sonne möglich. Danach trifft die Sonneneinstrahlung zu flach auf die Erdoberfläche und damit auf die menschliche Haut auf. Der wirksame UV-B-Anteil wird dann durch den längeren Weg durch die Atmosphäre absorbiert.

Für eine ausreichende Vitamin D-Produktion müsstest du dich also im Sommer möglichst jeden Tag in der Mittagssonne mit unbedeckter Haut im Freien aufhalten. Je nach Hauttyp sollte die Sonnenbestrahlung dabei 10-20 Minuten andauern. Helle Hauttypen bilden schneller Vitamin D als dunkle Typen, sind aber natürlich auch eher sonnenbrandgefährdet. Sonnencreme allerdings verhindert die Vitamin D-Produktion, da sie die UV-B-Strahlen abschirmt.

Es ist also gar nicht so einfach, eine ausreichende Vitamin D-Synthese zu gewährleisten und hängt mitunter auch stark vom Lebensstil und natürlich vom Wetter ab.

Die Versorgungslage mit Vitamin D in Deutschland

Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb in Deutschland praktische alle Bevölkerungsgruppen mit Ausnahme von Säuglingen das Risiko für eine Unterversorgung haben. Säuglinge erhalten hierzulande standardmäßig zur Vorbeugung von Rachitis ein Vitamin-D-Präparat im 1. Lebensjahr. Damit wird sichergestellt, dass der Vitamin-D-Bedarf auch wirklich gedeckt ist, da die Vitamin-D-Versorgung über die Muttermilch für eine altersgerechte Knochenmineralisation nicht ausreicht.

In der repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) des Robert Koch-Instituts wurde bei annähernd 7000 Teilnehmern (18–79 Jahre) die Vitamin-D-Versorgung anhand der Serumkonzentration von 25(OH)D3 gemessen.

Die Werte wurden nach der Institute-of-Medicine (IOM)-Klassifizierung beurteilt:

≥ 50 nmol/L (>20 ng/ml) = ausreichende Versorgung
30 < 50 nmol/L (12-<20 ng/ml) = suboptimal
< 30 nmol/L (<12 ng/ml) = Vitamin-D-Mangel

Die mittlere 25(OH)D-Serumkonzentration lag bei Frauen bei 45,9 nmol/L, bei Männern bei 45,3 nmol/L.

Knapp 62 % der Studienteilnehmer wiesen suboptimale Werte < 50 nmol/L auf. Davon hatten knapp 30 % der Frauen und knapp 31 % der Männer sogar Werte im Mangelbereich (< 30 nmol/L). Nur ca. 38–39 % der Studienteilnehmer waren ausreichend versorgt (≥ 50 nmol/L).

Bei einem Vitamin D – Mangel, also einer Serumkonzentration von weniger als 30 nmol/L, kommt es zu Störungen des Calcium- und Phosphatstoffwechsels. Bei Kindern bleiben die Knochen weich und verformen sich, man spricht dann von Rachitis. Bei Erwachsenen kommt es zu einer Entkalkung des Skeletts, die man als Osteomalazie bezeichnet.

Darüber hinaus wird ein Vitamin D -Mangel mit einer ganzen Reihe weiterer verschiedener Erkrankungen in Verbindung gebracht. Dazu gehören Krebserkrankungen (vor allem Brust- und Darmkrebs), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, Infektionskrankheiten und Autoimmunerkrankungen.

Nach der am häufigsten vertretenen Expertenmeinung sind Vitamin D-Werte im Bereich zwischen 40 und 80 ng/ml optimal.

Hilft Vitamin D bei Autoimmunerkrankungen?

Vitamin D nimmt auf mehrere Weise Einfluss auf das Immunsystem und damit auch auf Autoimmunerkrankungen:

Vitamin D beeinflusst die Darmmikrobiotika

In Studien wurde gezeigt, dass Vitamin D die Diversität der Darmmikrobiotika erhöht. Eine gesunde und artenreiche Darmflora verringert das Risiko für Autoimmunerkrankungen und andere chronische Entzündungen.

Vitamin D aktiviert das unspezifische (angeborene) Immunsystem

Vitamin D regt die Produktion von körpereigenen Abwehrstoffen in den Makrophagen und Granulozyten an, die eine antivirale und antibakterielle Wirkung haben. Auf diese Weise stärkt Vitamin D die Immunabwehr gegenüber Krankheitserregern.

Vitamin D hemmt das spezifische (adaptive Immunsystem)

Vitamin D hemmt die TH1-Immunantwort und die Produktion der entzündlichen Zytokine TNF-a, IFN-y und IL-2. Es wirkt also antientzündlich. Bei vielen Autoimmunerkrankungen liegt eine TH1-Dominanz vor, so dass Vitamin D hier ausgleichend wirkt und die Symptomatik verbessert.

Interventionsstudien konnten zeigen, dass durch die Gabe von Vitamin D das Risiko an Multipler Sklerose oder Rheuma zu erkranken, um bis zu 40 Prozent reduziert werden kann. Auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Hashimoto Thyreoiditis, Arthritis und Diabetes Typ 1 scheint Vitamin D zu helfen.

Vitamin D stärkt die Immuntoleranz

Vitamin D induziert die regulatorischen T-Zellen (Treg) und hemmt die proentzündlichen TH17-Zellen. Dadurch stärkt Vitamin D die Fähigkeit des Körpers, „fremd“ von „eigen“ zu unterscheiden. Das ist ganz entscheidend bei Autoimmunerkrankungen aber auch bei Neurodermitis und Allergien, also sämtlichen Erkrankungen, die durch eine Überreaktion des Immunsystems verursacht werden.

Hilft Vitamin D bei atopischen Erkrankungen?

Unter den atopischen Erkrankungen fasst man allergische Erkrankungen zusammen, die mit einer Überempfindlichkeit auf ansonsten harmlose Umweltstoffe reagieren. Dazu gehören Neurodermitis, Urtikaria, Allergien und allergisches Asthma. Sie haben gemeinsam, dass der Körper sogenannte IgE-Antikörper bildet.

Interessanterweise zeigt Vitamin D in Bezug auf diese Erkrankungen eine veränderliche Dosis-Wirkung-Beziehung:

Ein Vitamin D-Mangel ist mit einem erhöhten Allergierisiko assoziiert. Säuglinge von unter einem Jahr haben ein zehnfach erhöhtes Risiko für Nahrungsmittelallergien, wenn der Vitamin D-Spiegel unter 20ng/ml liegt. Auch bei bereits bestehender Allergie im Erwachsenenalter sollte unbedingt ein Vitamin D-Mangel ausgeglichen werden.

Auf der anderen Seite bewirken hohe Vitamin D-Spiegel einen TH2-Shift. Die IgE-Konzentration ist bei erhöhtem Vitamin D (> 135nmol/L) um etwa 56 % höher. Zu hohe Spiegel in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Kindesalter lassen das Atopie-Risiko steigen.

Das sollte man im Auge behalten, bevor man unkontrolliert hohe Mengen Vitamin D über Nahrungsergänzungsmittel zu sich führt, insbesondere in der Schwangerschaft. Allerdings ist ein Vitamin D-Mangel viel häufiger verbreitet als ein hoher Vitamin D-Spiegel und ebenso nicht ungefährlich.

Fazit

Ein Vitamin D-Mangel ist sehr weit verbreitet und von Oktober bis April sollte in Deutschlang grundsätzlich jeder Vitamin D über ein Supplement zu sich nehmen, um seinen Tagesbedarf zu decken. Das gilt ganz besonders dann, wenn du unter einer Autoimmunerkrankung leidest. Ein Mangel kann gravierende Folgen haben.

Quellen

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